Erster Tag

Die Tage vor der Abreise waren nicht einfach. Ich verbrachte Wochen mit Warten, mit Vorbereiten, mit Nachdenken und Organisieren. Ich merkte, dass ich zusehends ungeduldiger wurde, liess dies mein Umfeld auch spueren. Dementsprechend war die letzte Nacht vor dem Aufbruch sehr angespannt. Ich hatte kaum geschlafen. Es war nicht  eine konkrete Angst, denn ich freute mich ja schon lange so fest auf die Reise. 

Schon um sechs klingelte der Wecker. Alle "Jungs" in unsrer Radler-WG schliefen noch. Ich verbrachte die ersten Minuten mit aus dem Fenster schauen, mir alles nochmals durch den Kopf gehen lassen. Ja, es war richtig, das Abenteuer zu wagen und nun war der Start in greifbare Naehe gerueckt.

Ich weckte die noch schlafende Mannschaft. Fabian war sehr ruhig, Mike eher freudig und aufgeregt, Ram muede. Wir fruehstueckten, plauderten ein wenig. Danach musste ich die Wohnung reinigen, da ich sie untervermieten werde. Fabian und Ram halfen mit, Mike bewachte das Gepaeck, welches wir im Flur vor der Wohnung lagerten ;-). Es dauerte beinahe zwei Stunden, bis die Radler-WG wieder zu einer normalen Wohnung wurde. In der Zwischenzeit wechselte Mike Geld, was ihn beinahe 1.5 Stunden kostete.

Als es endlich soweit war und ich auf unbestimmte Zeit Abschied nehmen musste von meiner Wohnung, wurde ich doch ein wenig sentimental. Auch war die Angst kurz vor dem Start beinahe groesser als die Vorfreude! Schweigend packte jeder seine Taschen auf das Rad, balancierte das Gewicht aus und drehte die ersten Runden in der Parkgarage.

Fabian liess sich viel Zeit, bevor er vor dem Haus zum Gruppenfoto erschien, wir anderen gingen jedoch schon aufgeregt vor dem Eingang zu meinem Haus auf und ab.

Gegen zehn Uhr waren alle Startfotos im Kasten, wir in die Rimsingen-Shirts gekleidet, es konnte los gehen. Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Es war ein spezielles Gefuehl fuer mich die Sukhumvit 53 entlang zu fahren und einfach so alles hinter mir zu lassen. Starten war dann doch viel unspektakulaerer, als ich es erwartet hatte.

Als wir an einer Tankstelle Wasser kaufen wollten, schenkte uns die Betreiberin an der ersten Saeule doch glatt einfach so vier Liter von dem wichtigen Elixier! Man stelle sich dies mal in der Schweiz vor... Eine aeltere Dame schenkte Mike Bananen. Nach so viel unglaublicher Gorsszuegigkeit waren wir frisch gestaerkt fuer die schwierigste Aufgabe des Tages; unsere schwer bepackten Raeder durch den dichten Verkehr Bangkoks zu manoevrieren. Es ging eigentlich ganz gut. Ich war die Einzige, welche sich diese Verhaeltnisse schon gewohnt war. Ich glaube, die anderen hatten alle ihre Angstattacken auf dem Weg stadtauswaerts. Wir assen in meiner geliebten Salatbar zu mittag. Auch hier hiess es nun Abschied nehmen. Weiter ging die Fahrt, vorbei an meinem ehemaligen Arbeitsort, der Schweizerschule Bangkok, in Richtung kambodschanische Grenze. Wir fuhren sehr sehr langsam, hielten immer wieder an, tranken etwas oder goennten uns einen Snack. Bei einem Halt fanden wir solch interessante Sachen wie Skibrillen oder einen Traktor mit einem Schneepflug vorgespannt. Wahrscheinlich fragte sich der Besitzer seit 30 Jahren, was das Ding vor seinem Traktor darstellen sollte....

Die Landschaft wurde zusehens gruener und interessanter. Nur die vorueberfahrenden Autos stoerten die Idylle. Ram hielt sich tapfer und radelte die gesamten 66.25 in stoischer Ruhe. Wir waren 4.28 Stunden auf den Raedern unterwegs, bis wir gegen halb sechs in Chachoengsao, unserem ersten Reiseziel, ankamen. Wir fanden sogleich am Ortseingang eine nette Bungalowanlage und beschlossen, die erste Nacht dort zu verbringen. Alle waren guten Mutes, muede aber froehlich und ich war unendlich froh, dass es so gekommen war! Am Morgen hatte alles noch ganz anders ausgesehen, alle waren sehr nervoes und angespannt!

Nach einer unbedingt notwaendigen Dusche gingen wir der Strasse entlang und suchten ein Restaurant. Das Essen war sehr gut, sehr guenstig, aber es dauerte ewig, bis es serviert wurde. Dies ist natuerlich eine harte Geduldsprobe, wenn man den ganzen Tag geradelt ist und vor Hunger schon Tofu anstelle von Fleisch isst (Mike). Wir witzelten und lachten viel waehrend des Essens. Auf dem Heimweg vor dem 7Eleven stiessen wir auf ein total "gepimptes" Bike. Der Besitzer fuehrte uns stolz sein Rad vor, erklaerte, dass die Stereoanlage noch nicht fertig montiert sei und liess Ram sogleich eine Probefahrt drehen. Dazu musste Ram jedoch eine Steinschleuder um den Hals tragen...Im Geschaeft fragte uns ein Mann ueber unserer Reise aus. Als er hoerte, dass ich den weiten Weg nach China fahren wollte, fragte er mich: “What are you trying to find?“ Hm, auf diese Frage habe ich einfach (noch) keine Antwort parat...

Es war ein wunderschoener erster Tag, mit nur zufriedenen Mitradlern. Ich bin einfach nur gluecklich...ein erstes Radlerhigh?