Dumai nach Bengkulu (1011 km)

Wir standen schon zum dritten Mal in Klang, Malaysia am Hafen. Bis anhin hatten wir kein Glück gehabt mit der Fähre nach Sumatra, wurden jeden Tag aufs Neue weggeschickt. An diesem Morgen fuhr die Fähre tatsächlich nach Dumai. Zuerst wurden das Gepäck gescannt und anschliessend die Räder in einer sehr spektakulären Aktion, bei welcher man besser die Augen schloss, auf die Fähre geladen. Während wir langsam den Hafen verliessen, sahen wir Unmengen von Abfall auf der Wasseroberfläche treiben! Die Fähre kehrte dann nochmals ans Ufer zurück. Es schien, als wolle Malaysia uns wirklich behalten!

Die Fahrt nach Sumatra war sehr angenehm und dauerte etwa drei Stunden. Man fuhr zuerst durch ein Industriegebiet, bevor das Boot am einfachen Hafen anlegte. Die Männer entluden die Räder in abenteuerlicher Weise, so dass beinahe die vordere Tasche von Rudis Rad fiel. Rudi hiess fortan Yudi, weil dies anscheinend ein indonesischer Name war.

Als wir den Zoll passierten, sah ich, wie eine Katze hinter dem Beamten auf eine Stange sprang, von dort auf die X-Ray Maschine und dann auf einen Vorsprung, von wo aus sie zur Quarantäne weiter balancierte.

Dumai erschien mir schmutzig und chaotisch, verglichen mit Malaysia und Thailand, was sogleich meine Erinnerungen an Indien wach rief. Ich fühlte mich jedoch von Anfang an sehr wohl in dem Land.

Am nächsten Tag fuhren wir los in Richtung Duri. Überall wurde uns zugewunken und fröhlich "Hello, Mister" gerufen. Diese Art der Begrüssung sollte uns über die gesamte Insel begleiten.

An einer Kreuzung sah ich, dass die Abkürzung gerade aus führen würde. Auch nahm ich ein Schild wahr, welches "restricted area" ankündigte und einen Busfahrer, welcher mir klar machen wollte, dass die Strasse nicht befahrbar war. Wir ignorierten jedoch diese Hinweise und fuhren weiter gerade aus.

Nach vielen Kilometern kamen wir an eine Schranke. Das Sicherheitspersonal gab uns zu verstehen, dass wir umdrehen und einen weiten Umweg über die Hauptstrasse machen sollten! Wir verstanden nicht recht, weshalb wir nicht weiter fahren konnten, gaben dann jedoch auf. Es war nichts zu machen! Wir drehten um und fuhren davon. Ein paar Kilometer weiter, als wir vergebens versucht hatten, einen Lastwagen dazu zu bringen, uns mitzunhemen, kam ein Security Guard auf seinem Moped angefahren und gestikulierte, dass wir die "restricted area" passieren können, aber auf einem Fahrzeug. Nachdem einige Fotos im Kasten waren, luden die hilfsbereiten Sicherheitsmänner unsere Räder auf ihren Pickup! Sie fuhren uns anschliessend langsam durch die Ölfelder von Chevron!

Nachdem wir wieder Asphalt unter den Rädern hatten, fuhren wir insgesamt 59km nach Duri, wo wir lange kein Hotel fanden. Schlussendlich stiegen wir im noblen Grand Zuri ab! Das Personal war extrem nett und hilfsbereit. Der Page kam sogar unverblümt ins Zimmer, erklärte uns, er wollte noch Fotos machen, indem er uns seinen Hut aufsetzte!

Die Strecke von Duri nach Kandis war ziemlich befahren und hüglig. Nach 56km hielten wir beim einzigen Hotel, welches wir den ganzen Tag über ausmachen konnten an. Die Belegschaft war sehr unfreundlich, die Betten nicht frisch bezogen, sowie das Stehklo nicht sehr einladend. Aber wir waren ja nicht wählerisch. So spannten wir die Stoffschlafsäcke über das Bett, montierten das Moskitonetz und versuchten, einige Stunden Schlaf zu kriegen.

Die Hügel, welche am nächsten Tag auf uns warteten, waren ziemlich steil und ermüdend. Wir quälten uns in der Hitze einen Hügel hoch, um kurz zu entspannen während der kurzen Abfahrt, bevor die Strasse sich auf die nächste Anhöhe wand. Die Einheimischen plauderten bei jedem Rast mit uns und gaben uns wertvolle Tipps, wie zum Beispiel dass wir nur bei Tag und niemals in der Nacht fahren sollten.

Auf der dicht befahrenen Strasse fuhren wir an riesigen Maschinen vorbei, welche Öl förderten, durchquerten Palmölfelder. Die Landschaft war nicht wirklich eine Augenweide an diesem Tag. Wir wurden am Abend belohnt, als wir nach 73km in Pekenbaru, laut Wikipedia der saubersten Stadt Indonesiens, ankamen.

Auf dem Weg in die Berge

Nach einem Ruhetag, welchen wir mit Wäsche waschen, ausschlafen und dem Trinken echten Kaffees verbrachten, ging die Reise weiter auf einer etwas weniger befahrenen Strasse in Richtung Berge und West Sumatra. Bei jedem Stopp fragten wir die Menschen nach dem Weg zum Äquator, doch nur die wenigsten wussten, was das der Äquator war. Rudi konnte nicht glauben, dass diese Leute davon keine Ahnung hatten! Beim Mittagsrast schaute ein Mann sich Rudis Rad an und fragte: "Haben Sie dieses Rad gemietet?".

Die Fahrt endete nach 71km in Bangkinang in einem etwas heruntergekommenen Hotel, in welchem der Teppichboden nach alten Schuhen roch. Das Abendessen nahmen wir in einem Kinderparadies mit blinkenden Autos und kleinen Schwimmbädern zum Fischen zu uns. Auch die Räder mussten in dieser Nacht die schmutzigste Unterkunft der gesamten Reise erdulden.

Am nächsten Morgen starteten wir früh; die Strassen waren noch nass vom nächtlichen Regen. Die Strecke war extrem hüglig, rauf und runter, was enorm anstrengend war. Zum Glück war der Himmel bedeckt und es regnete ein wenig. Der steilste Anstieg war enorm schwierig zu bewältigen, er führte zum Gate von West Sumatra. Der Regen war zum Glück nur über Mittag schlimm, als wir sowieso eine Pause einlegten und wie immer Instantnudeln und Ei assen. Wir fuhren  trotz aller Anstrengung 81km bis nach Baharu, einem Dorf in den Bergen, kurz vor dem grossen Anstieg. Die Landschaft war super toll und es war ziemlich kühl. Wir mussten dann geschlagene drei Stunden auf den Besitzer des einzigen Hotels weit und breit warten. Wir versuchten unser Glück zuerst bei einem anderen Haus, welches, laut Schild am Eingang 24 Stunden geöffnet hatte. Jedoch mussten wir feststellen, dass es sich dabei um ein Krankenhaus handelte!

Nach einer Nacht in einem schmalen Bett mit Ventilator, sowie Moskito Invasion standen wir erneut früh auf. Es wartete ein grosser Anstieg auf uns. Es war ziemlich hart, aber auch toll, der Landschaft wegen. Der Weg führte konstant bergauf und die Sonne brannte, trotzdem genoss ich die Berglandschaft enorm!


Am Äquator angekommen!

Nach wenigen Kilometern kamen wir an das Äquator Monument! Es war ein seltsames Gefühl, wirklich bis zum Äquator geradelt zu sein! Wir stoppten, um Fotos zu machen. Für das "jumping" Foto mussten wir eine ganze Weile üben. Anschliessend nahmen wir den Aufstieg wieder unter die Räder, nun in der südlichen Hemisphäre. In einem sehr schweizerisch anmutenden Restaurant tranken wir einen indonesischen Avocado-Schoggi-Saft. Der letzte Aufstieg, dann standen wir nach vielen Stunden irgendwann oben auf dem Berg! Ein wahnsinnig tolles Gefühl!

Auf der Abfahrt machten wir bei einer Sehenswürdigkeit halt, welche aus einer seltsamen Brückenkonstruktion bestand. Die Indonesier reisten in Scharen zu diesem Ort und gaben sich der Selfie-Fotografie hin. Wir liessen Payakumbuh hinter uns und radelten tapfer den nächsten Hügeln entgegen. Ein heftiger Regenschauer liess uns dann jedoch nach 60km umdrehen und zurück nach Payakumbuh fahren, um dort ein Hotel zu suchen.

Meine Beine schmerzten von der Überquerung der Berge am Vortag. Ich schleppte mich nur mühsam über die hüglige Strasse am nächsten Tag. Die Landschaft beeindruckte mich jedoch enorm, Berge, Felder, Reisfelder und niedliche Häuser säumten den Weg. Die Etappe bis Bukitinggi, einer Bergstadt, welche aus vielen Hügeln bestand, endete nach 34km, als wir ein tolles Hotel fanden, welches mit alten Klavieren und Kukuks-Uhren ausgestattet war. Rudi suchte vergeblich nach einer Klimaanlage; in den Bergen sei die Temperatur von Natur aus kühl, meinte der Besitzer.

Am Abend, als wir eine Wäscherei suchten, half uns ein Einheimischer, indem er ca. einen Kilometer im Eilzugtempo vor uns her quer durch die Stadt lief. Ich fühlte mich wie Speedy Gonzales, ihm hinter her eilend. Obschon er selbst in Eile war, nahm er sich Zeit, uns die Wäscherei am anderen Ende der Ortschaft zu zeigen.

Als ich für den nächsten Tag ein Motorrad mieten wollte, bot mir der junge Herr an der Hotelrezeption sein Motorrad an für den Tag und wollte nicht einmal etwas dafür! Die unglaubliche Freundlichkeit der Menschen in Asien berührt mich immer wieder aufs Neue!

Entlang der Westküste von Sumatra

Nach einem Ruhetag fuhren wir erneut in die Berge, in Richtung Padang. Die Lastwagen brausten dicht an uns vorbei auf der sehr befahrenen Strasse. Wir erreichten die Passhöhe und den höchsten Punkt unserer Reise in Sumatra gegen Mittag. Rudi meinte, dass dies eine schöne Gegend wäre, wenn nur der Verkehr nicht so intensiv wäre! Später erfuhren wir, dass die Strasse zwischen zwei aktiven Vulkanen hindurch geführt hatte, was das Verkehrsproblem doch sehr relativierte. Anschliessend wartete eine lange Abfahrt auf uns. Wir fuhren 95.5km bis Padang,der Hauptstadt von West Sumatra.

Von Padang führte die Strasse uns entlang des Meeres auf der Westseite von Sumatra. Unterwegs zur ersten Unterkunft am Strand fuhr ein Einheimischer neben mir her und fragte: "Kannst du einen Platten flicken?" Ich teilte ihm mit, dass ich dies könne. Er fragte weiter: "Kannst du das auch alleine?". Ich bejahte. Er schien zufrieden zu sein und fuhr ohne weiteren Kommentar davon.

Wir blieben zwei Tage direkt am Meer nur 20km entfernt von Padang und machten einen Schnorchelausflug. Weiter ging die Reise über steile Anstiege, entlang eines Flusses in Mitten von Bergen, zurück zum Meer. Die Landschaft entlang der Küste war schlicht und ergreifend umwerfend! Wir fuhren 59km bis Painan, wo wir ein kleines Hotel mit imposantem Doppelbett aus geschnitztem Holz fanden. Rudi wandte die bewährte Eimerwäsche an, um seine Radklamotten vom nasenbeleidigenden Geruch zu befreien.

Die Strecke am folgenden Tag beinhaltete zwar einige steile Hügel, war jedoch absolut traumhaft! Sie führte immer dem Meer entlang von Bucht zu Bucht, durch Reisfelder und entlang schmaler Flüsse. Unglaublich schön! Als es eindunkelte suchten wir nach 66km in der Nähe von Kambang ein Hotel. Erst fanden wir eine Unterkunft bei einer Familie, welche uns ziemlich mürrisch zwei Matten am Boden für 100 000 Rupien anbot. Wir entschlossen uns zur Weiterfahrt und fanden ein kleines Hotel ausserhalb von Kambang, günstig und schäbig, aber egal, wir hatten keine andere Wahl. Wir assen ein super leckeres Essen in einem kleinen Restaurant, als in der gesamten Region der Strom ausfiel.Im Hotel angekommen, begann es zu stürmen und zu regnen, wir versuchten trotz Stromausfall in der Hitze zu schlafen.

Die Strecke am folgenden Tag war nicht besonders schön und überall befinden sich Kühe, Schafe, Hühner oder Gänse auf der Strasse!Auch mein Körper war müde. Der Mangel an guter Nahrung machte sich bemerkbar, da ich ausser der täglichen Ration an Instantnudeln und dem bisschen Gemüse nur Unmengen von Zucker zu mir nahm!

Wenn man in Indonesien etwas kauft und die Verkäuferin gerade kein Wechselgeld hat, bekommt man an Stelle vom Wechselgeld Süssigkeiten. Ich kriegte drei Bonbons anstelle von 500 Rupien bei einem kurzen Halt!

Der Tag endete nach 76km in Tapan im schrecklichsten Hotel der gesamten Reise! Schmutzig, unfreundliche Leute, sehr seltsame Ortschaft. Wir mussten dann sogar unsere Wäsche in Plastiktüten waschen, weil wir überhaupt nichts mehr anzuziehen hatten.

Endspurt bis nach Bengkulu

Früh am folgenden Morgen wurden wir von einer Horde Schulkids auf Motorrädern verfolgt. Es wurden immer mehr! Sie gaben nicht nach, bis wir einwilligten, ein Foto zu machen. Lustig war, dass alle posierten, bis sie merkten, dass niemand das Foto machte!

Überall riefen uns die Leute weiterhin fröhlich "hey Mister" zu. Unglaublich, man fühlte sich wie ein Rockstar on the road! Manchmal begannen die Menschen  auch einfach zu lachen, wenn sie uns sehen und kriegen sich dann beinahe nicht mehr ein!

An diesem Tag wartete der Grenzübertritt zum nächsten Staat "Bengkulu" auf uns. Die Strasse wurde nach der Grenze besser, die Häuser viel prunkvoller, alles weniger chaotisch. Jedoch vermisste ich West Sumatra bald schon! Für mich war West Sumatra die beste Erfahrung auf dieser Radtour. Der Staat war landschaftlich unglaublich toll und die Menschen fröhlich, hilfsbereit, arm, und sehr einfach. Alles in allem chaotisch, aber total toll. Wir stoppten nach 73km in Muko Muko (oder von mir Mücke Mücke genannt), wo es ausser dem Flugplatz nichts zu sehen gab.

Nach Muko Muko wurde die Strasse sehr hüglig. Ich fand dies anstrengender als alle Berge, welche ich bis anhin beradelt hatte! Nach 82km war ich am Ende meiner Kräfte und quälte mich bis nach Ketaun. Im einfachen Hotel schliefen wir mit der Zimmertüre offen, da das Zimmer extrem muffelte. Die Einheimischen fanden dies wohl ein wenig seltsam.

An einer Stelle, etwa 30km vor unserem letzten Ziel auf Sumatra, machten wir Halt und genossen eine Kokosnuss. Ich entdeckte eine kleine spektakuläre Insel im Meer und war total fasziniert vom Spektakel, welches das Wasser bot. Wir blieben eine Weile und schauten den Wellen zu. Dann fuhren wir die letzten paar km über Schlaglöcher nach Bengkulu. Total waren wir 87km unterwegs an diesem Tag. Wir liessen uns im Sporthotel nieder in der sehr heruntergekommenen Stadt. Im Lonely Planet steht über Bengkulu, dass es in dieser Stadt absolut nichts zu sehen gebe und die Stadt auch touristenfrei sei. Dem kann ich nur beipflichten. Als wir am Abend im Restaurant assen, bettelte uns ein Mann an. Erst als er aufstand sah ich, dass er einen Revolver hinten in seine Hose gesteckt hatte! Das war ein ziemlich schräges Erlebnis!

In Bengkulu entschloss ich mich, mit dem Bus nach Jakarta zu fahren, um mein Visum zu erneuern. Die Fahrt nach Jakarta im Luxusbus dauerte geschlagene 26 Stunden und führte durch eine atemberaubende Landschaft und über Anstiege, welche ich glücklicherweise nicht mit dem Rad bewältigen musste! Sogar der Bus hatte Probleme, diese enormen Hügel zu bewältigen!