Saigon nach Da Lat

Von der Grossstadt in die Berge

Nach einigen Ruhetagen in Saigon und grosser Ungewissheit, wer weiterfahren wuerde und wer nicht, entschied Fabian sich, mit dem Zug weiter zu fahren. Ihm sagte das Velofahren weniger zu, als er gedacht hatte. Dieser Entscheid war traurig fuer mich, aber ich verstand ihn gut. Vor allem, dass andauernde Wechseln der Hotels, das Ein- und Auspacken waren sicher belastend fuer jemanden, der nicht an einen reisenden Lebensstil gewohnt ist.

So fuhren Ram und ich schweren Herzens alleine los. Es war gar nicht so einfach, den Weg aus der Stadt heraus zu finden! Wir verirrten uns erst einmal um ein paar Kilometer, weil wir die falsche Bruecke ueberquerten. Umkehren, naechster Versuch. Die ersten 30 Kilometer fuhren wir anschliessend auf der „Autobahn“ stadtauswaerts. Lastwagen, Autos und vor allem Motorraeder, soweit das Auge reichte. Viele Lastwagenfahrer winkten uns und Motorradlenker bedeuteten uns in Zeichensprache, dass sie unsere Aktion toll finden.

Es war jedoch nicht einfach, auf einer solch befahrenen Strasse zu navigieren. Irgendwann suchte Ram eine Nebenstrasse, so dass wir es ein wenig ruhiger nehmen konnten. Die Landschaft war nach wenigen Kilometer ausserhalb der Stadt schon ganz anders, als noch im Mekong Delta. Viel huegliger und mehr Waelder entlang der Strasse.

In Tran Bom fanden wir gleich am Ortseingang ein suesses kleines Guesthouse, das mich ein wenig an ein Schloesschen erinnerte. Die Futtersuche gestaltete sich aeusserst schwierig. Ein Mann auf der Strasse erklaerte uns, dass dies eine katholische Stadt sei (was uns schon aufgefallen war, da wir alle 300 Meter an einer Kirche vorbei fuhren. “Wie viele Kirchen braucht der Mensch???“ fragte ich mich insgeheim) und die Katholiken eben keine Vegetarier seien. Tja, so assen wir wieder einmal ein improvisiertes Menue bestehend aus Reis, frittiertem Ei und einem Gemuese in Schleimsosse.

Als wir das Restaurant verliessen, winkte uns die Besitzerin von der Gaststaette nebenan zu. Wir schauten auf das Schild des Restaurants, worauf ein Hund (!!) abgebildet war! In ihrem Restaurant befand sich auch ein kleiner Klaeffer. Ich zeigte auf ihn und machte eine Essensgeste und schaute die Besitzerin fragend an. Sie lachte und nickte und zeigte mir einen halben Hund, welcher gegrillt auf der Feuerstelle lag...also stimmte das Geruecht doch! Wir bedankten uns und gingen von dannen.

Am naechsten Tag startet erst spaeter am Morgen. Unterwegs fuhr ein Mann mit einem Motorrad neben mir her, griff in seine Tasche und gab mir eine Hand voll Rambutan (Fruechte), fuhr zu Ram, gab ihm auch welche und fuhr dann weiter. So unglaublich lieb!

Wir entschieden uns erneut fuer eine kleine Strasse. Ueberall Huegel, Waelder und kleine Ortschaften. Manchmal erinnerte mich die Landschaft sogar ein wenig an die Schweiz!

Als ich in einem Wald anhielt, um Wasser zu trinken, sah ich, wie ein Auto vor mir stoppte. Zwei Maenner stiegen aus und kamen auf mich zu, um ein wenig zu plaudern. Der eine war Dozent und Doktor an der Universitaet in Saigon. Er fand es wahnsinnig, was wir machen, wollte unbedingt in Touch bleiben. Er fragte Ram sogar, ob er nicht irgendwann an seiner Universitaet Englisch unterrichten koenne. Die Adressen wurden ausgetauscht und die Herren fuhren weiter.

Die ersten Huegel machten Ram extrem zu schaffen. Es dauerte lange, bis er den letzten Anstieg ueberwunden hatte, aber er biss sich tapfer durch. Bis Da Lat waren es noch reichlich Hoehenmeter, welche es zu erklimmen galt.

Die Strecke der naechsten Tage war tatsaechlich sehr hueglig und ueberall saeumten waldbewachsene Huegel die Strasse, in der Ferne waren richtige Berge zu sehen! Ram kam nur sehr langsam foran, was mich zwischenzeitlich schon etwas stresste. In einem Dorf machten wir Rast, damit er an seinem Lenker „Hoerner“ montieren lassen konnte. Ich war sehr ueberrascht, dass wir in dem Nest sowas Spezielles fanden. Sein Lenker sah nach der Verwandlung so gut aus, dass ich mich entschied, mein Rad der selben Prozedur zu unterziehen. Mit unseren „gepimpten“ Raeder war das Fahren viel angenehmer. Auch mein Ruecken schmerzte weniger. Weshalb ich nicht schon frueher auf die Idee kam, war mir ein Raetsel.

Nach einem langen Aufstieg machten wir in einem Cafe halt. Der Besitzer schnitzte Tiger und Buddhas aus grossen Wurzeln. Nachdem wir etwas getrunken hatten, fuehrte er uns zum Fluss, so dass wir uns frisch machen konnten. So lieb! Auf dem Rueckweg zeigte er uns steinerne Pferde, welche einfach so am Flussufer standen. Welchen Zweck sie erfuellten konnten wir leider nicht erfahren.

Wir fuhren nur ein paar Meter weiter, als es heftig zu winden begann und die ersten Tropfen fielen. Wir suchten Unterschlupf unter einem Blechdach, wo uns sogleich wieder zwei Stuehle gebracht wurden. Wir sahen dem heftigen Gewitter eine Weile zu, bis wir uns aufgrund der fortgeschrittenen Zeit trotz Regen zum Weiterfahren entschieden. Ich kramte das erste Mal meine Regenkleider aus der Tasche.

Wir waren in der Gegend schon ziemliche Exoten. Ueberall wintken uns die Menschen, aus den Trucks, Autos und von den Motorraedern werden uns „Daumen hoch“ gezeigt. Die Kinder starren uns an, da sie wohl hoechst selten Auslaender zu Gesichtbekommen. Sehr speziell alles und so recht gewoehnte ich mich nicht daran.

Bergluft

Die Landschaft war atemberaubend schoen an diesem Morgen. Ueberall um uns herum Berge, kuehlere Luft und Sonnenschein. Der erste Kilometer war noch flach, dann begann die Steigung, welche nicht mehr enden wollte! Ueber ca. 11 Kilometer stieg die Strasse stetig an. Wir fuhren das erste Stueck, beschlossen dann jedoch, die Raeder zu schieben. Das war ganz schoen anstrengend, rund 45 Kg den Berg hoch schieben! Nach zwei Stunden und 5 km Distanz tranken wir etwas. Unterwegs ueberholten uns unzaehlige Motorraeder. Wie auf den Passstrassen in der Schweiz. Die meisten winkten uns zu, riefen und aufmunternde Worte zu, oder zeigten einen aufrechten Daumen.

Ram war viel langsamer als ich, so dass ich mein Tempo fuhr, bzw schob. In einer Kurve hielten drei Maenner vor mir und machten Fotos. Als ich auf gleicher Hoehe war, sagte einer von ihnen, dass er ein Foto mit mir machen wolle. Ich warnte ihn noch, dass ich stinke, aber ich glaube, es war ihm egal. Die anderen folgten seinem Beispiel und so stand ich geduldig am Hang, bis alle ihr Foto mit mir gemacht hatten. Der erste fragte mich dann, ob ich muede sei und gab mir eine Flasche Wasser!!! Unglaublich, wirklich!!! Ich war sooo froh ueber dieses Geschenk, haette es vor allem ueberhaupt nicht erwartet. Mein Wasservorrat hatte sich beinahe dem Ende zugeneigt und dies war wirklich eine grosse Hilfe. Ich bedankte mich herzlich und er versprach mir, die Fotos zu senden.

Ein paar Stunden spaeter fragte ein Motorradfahrer, ob er mich ziehen solle bis auf die Passhoehe. Sehr aufmerksam, aber ich verneinte. Er hielt dann nochmals und fragte erneut nach. Die Versuchung war gross, aber ich hatte mir diesen Weg eingebrockt, also musste ich eben auch ein wenig leiden.

Nach vielen Stunden am Berg ging es endlich bergab und ich konnte die Bergwelt geniessen. Im ersten Shop goennte ich mir ein Joghurt und ein wenig Brot. Selten hatte etwas so gut geschmeckt!

Den Rest der Strecke bis Bao Loc war dann sehr einfach zu fahren, auch wenn es noch ein paar Huegel zu bewaeltigen gab. Nach dem letzten Aufstieg bemerkte ich die minimen Steigungen beinahe gar nicht mehr.

Ich suchte mir ein schoenes Hotel, dehnte meinen Ruecken, duschte gemuetlich und genoss die Aussicht vom Hotelzimmer mit Balkon. Ram traf etwa zwei Stunden spaeter ein. Wir gingen gemeinsam essen. Spaeter fuhren wir durch den wunderschoenen Ort Bao Loc. Leider begann es heftig zu regnen und stoppte auch so schnell nicht wieder. So verbrachte ich den halben Nachmittag in einem Cafe, schrieb an meinem Blog und schaute den Regenstroemen zu. Es regnete nun recht haeufig, meist jedoch nicht vor drei Uhr Nachmittags.

Letzte Steigungen bis nach Da Lat

Am folgenden Tag packten wir und fuhren verhaeltnismaessig frueh los. In der Baeckerei genossen wir Sandwich mit Gemuese und Weichkaese. Am liebsten haette ich gleich eine ganze Ladung davon aufs Rad gebunden, fuer die naechsten paar Fruehstuecke.

Als wir Di Linh verliessen, standen ueberall am Wegrand Menschen und schauten auf die Strasse. Dies aenderte sich auch nicht, als wir bereits ein paar Kilometer gefahren waren. Wir dachten schon, diese Menschenmassen wollten uns zuwinken, als uns einige Polizisten auf Motorraedern entgegen kamen. Mit Lautsprechern forderten sie uns auf, von der Strasse zu gehen. Ein Grossaufgebot an Motorraedern, Polizeiautos und Ambulanzen folgten ihnen. Wir wunderten uns, was das alles zu bedeuten hatte. Wenig spaeter wurde das Raetsel geloest, als einige Rennradfahrer an uns vorbei sausten. Die Tour-de-France Vietnams war anscheinend in vollem Gange. Der Spuk war schnell vorbei und wir konnten in Ruhe weiter fahren.

Es war eine wunderschoene Strecke, welche wir an diesem Tag zurueck legten. Viele Huegel zwar, aber auch viele Abfahrten. Wunderschoene Berglandschaft, frische Luft, relativ wenig Verkehr und Sonnenschein.

Irgendwann fuhr Ram voraus und ich hatte die gesamte restliche Zeit ueber das Gefuehl, dass er voraus fahre. Gegen Mittag begann ich mich dann zu wundern, dass ich ihn nie einholte, auch wenn ich noch so schnell fuhr. Mir daemmerte, dass ich wohl irgendwann an ihm vorbei gefahren sein musste! So radelte ich bis in den Ort, in welchen wir gelangen wollten und setzte mich ins Cafe mit Wifi. Zum Glueck konnte man in groesseren Orten Internet finden, ansonsten waeren wir aufgeschmissen gewesen! Wie, ausser mit Hilfe des Zufalls wuerde man sich sonst wieder finden?

Gemeinsam furhen wir dann noch ein paar Kilometer durch ein hoch gelegenes Bergtal. Wunderschoen, im Abendlicht. Fuer die folgende Strecke nach Da Lat war nochmals ein riesiger Berg angesagt, so dass wir moeglichst nahe am Fusse des Berges uebernachten wollten.

Wir fanden ein riesiges Haus, das genau wie unsere Lagerhaeuser in den Bergen aussah! Auch die Umgebung stimmte und ich  fuehlte mich sogleich wie zu Hause!

Da Lat, 1500 Meter ueber Meer

Wir brachen frueh auf, fuer den letzten Aufstieg nach Da Lat. Die Landschaft war wie im Toggenburg, das Wetter sonnig und aeusserst klar, die Temperatur kuehl. Einfach taumhaft!

Bald hielten wir bei einem mit Touristen ueberfuellten Park, um zu fruehstuecken. Anschliessend entschieden wir uns fuer die laengere Strecke, welche jedoch schoener zu sein versprach. Wir sollten recht behalten. Die Strasse war nur sehr wenig befahren und schlaengelte sich den Bergen entlang nach Da Lat hoch. Die Steigung auf 1500m hoch war gar nicht soo schlimm. Ich hatte mit Schlimmerem gerechnet. Die Aussicht in die vielen Taeler und Waelder belohnte uns allemal fuer die Strapazen. Unterwegs, als ich mein Rad den Berg hoch schob, hielt eine junge Vietnamesin vor mir. Sie fragte, wie sie mir helfen koenne, ob ich Wasser brauche. So lieb! Ich verneinte dankend. Sie sagte, dass sie alleine hier sei, von Saigon komme und ihre Feiertage in Da Lat verbringen wolle. Sie habe mich gesehen und wollte einfach wissen, ob sie mir helfen koenne. Unglaublich, wirklich!

Wir waren bald schon in Da Lat angekommen. Die Menschen waren alle in lange Kleider gehuellt, die Temperatur deutlich kuehler. Gluecklicherweise fanden wir schnell ein schoenes Hotel. Die Preise waren ziemlich hoch, da am naechsten Tag erster Mai und somit Feiertag war. Alles schien entweder ueberteuert oder ausgebucht zu sein.

Die Stadt war ueberfuellt mit Menschen! Ganz Vietnam schien die Feiertage in Da Lat mit uns zu verbringen! 

Am ersten Ruhetag fuhren wir zum Blumengarten, der jedoch mehr eine Gaernterei war, welche Eintritt kostete. Es sah nicht sehr vielversprechend aus, weshalb wir den Garten Garten sein liessen und weiter fuhren zum „Valley of love“. Auch dort mussten wir feststellen, dass das Valley kein Tal, sondern ein Huegel war und alles ziemlich kitschig daher kam. So liessen wir auch das Valley aus. Die Vietnamesen schienen definitiv eine andere Vorstellung von Touristenattraktionen zu haben, als wir es tun.

Da es zu regnen begann, setzten wir uns in ein Cafe. Bei der naechsten Regenpause fuhren wir ein paar Meter weiter ins naechste Cafe. Nochmals eine laengere Regenpause, welche ich nutzte um an meinem Blog zu schreiben. Druassen regnete es in Stroemen, es war enorm kalt! Etwa 15 Grad zeigte das Thermometer und wir schlotterten wie die Grossen.

Am letzten Tag in Da Lat schauten wir uns das Crazy house an, ein Guesthouse im Geisterschloss Stil. Der Baustil erinnerte mich auch an Hundertwasser und Gaudi. Es war aufregend, in diesem Wirrwar von skurrilen Formen herumzuklettern und immer wieder neue Zimmer zu entdecken. Wir verbrachten eine ganze weile in dem seltsamen Haus.

Am Abend verbrachten wir viel Zeit mit der Routenplanung und skypten nochmals mit Fabian, um zu sehen, ob wir uns irgendwo wieder treffen koennten. Nach langem Hin- und Her stand dann jedoch fest, dass Fabian mit dem Zug weiter reisen wuerde und wir weiterhin ueber die Berge fuhren und nicht die Strasse dem Meer entlang. Der Weg wuerde viel anstrengender sein, aber wir versprachen uns von der Bergroute wunderschoene Landschaften und vor allem viel kuehlere Temperaturen, als auf der Kuestenstrasse. Die Hoehenprofile zeigten ebenfalls, dass die Bergroute nicht mehr so anstrengend sein wuerde, wie die Strasse nach Da Lat. Ram musste sein Visum verlaengern und deshalb war es sinnvoll, in der Naehe von der kambodschanischen Grenze zu fahren. So entschieden wir uns, am naechsten Tag in Richtung Buon Ma Thuot zu fahren.