Von Berlin nach Danzing

Die Octopus Gruppe radelt von Berlin nach Danzig

Octopus Gruppe in Danzig

An einem Dienstag Abend im August packten wir alle Räder, Schlafsäcke, Zelte und das gesamte Gepäck von fünf Personen in den Campingbus. Von Basel aus fuhren wir los, die ganze Nacht hindurch, bis wir am frühen Morgen in Berlin ankamen.

Wir hatten schon vorreservierte Betten in einem Hostel, leider jedoch nur für zwei Personen. Die anderen sollten in der Parkgarage im Bus übernachten,was uns dann schlussendlich jedoch verboten wurde.

Für ein paar Tage machten Alfredo, Thomas, Jona, Hannes, Julia und ich Berlin unsicher, bevor wir zur Radtour in Richtung Polen los radelten.

Gleich nachdem wir Berlin hinter uns gelassen hatten, befanden wir uns in einer wunderschönen Landschaft voll von Seen und Wäldern. Wir genossen es, in Supermärkten einzukaufen und das Mittagessen direkt vor dem Geschäft auf dem Parkplatz zu uns zu nehmen. Solche Dinge kann man sich nur als Radfahrer erlauben.

Gleich zu Beginn schlossen wir Freundschaft mit dem Besitzer eines Restaurants im Wald.  Er empfahl uns einen Campingplatz und ein Festival an einer nahegelegenen Schleuse. Dies war ein toller Start der Reise, obschon ich in jener Nacht mit dem Schlafsack unter einem Baum etwas abseits schlafen musste. Meine Herren Reisebegleiter schnarchten doch etwas zu laut.

Weiter ging die Reise durch die wunderschöne Landschaft der ehemaligen DDR. Die Dörfer wirkten wie ausgestorben, nirgends fanden wir Restaurants oder gar Bankomaten. Es kam uns vor, als würden wir durch ein Geisterland fahren. Schlussendlich fanden wir im strömenden Regen Unterschlupf bei einer alten Frau, welche B&B anbot. Sie war total süss und kümmerte sich rührend um uns. Am Abend assen wir in der einzigen offenen Raststätte und erfuhren viel über das Problem der Arbeitslosigkeit in der Region und auch darüber, dass die junge Bevölkerung meist abwanderte.

Der Frühstückstisch am nächsten Morgen überwältigte unsere müden Augen beinahe ein wenig. Fleisch, Käse und Brote wurden lieblich angerichtet und anschliessend mit frischen Blumen garniert!

Weiter ging die Reise durch die verlassene Gegend. Die folgende Nacht verbrachten wir auf einem riesigen Anwesen, welches zu einem Restaurant umfunktioniert worden war. Sie boten „Schlaf im Stroh“ an. Wir freuten uns sehr auf dieses Abenteuer, wobei nur Alfredo und ich wirklich im Stroh schliefen. Die anderen bevorzugten das Zelten. Bevor wir die eigenartige Unterkunft ausprobierten, entfachten wir ein riesiges Lagerfeuer und spielten einige Wortspiele, was super lustig war.

Am folgenden Tag hiess es dann Abschied nehmen von Deutschland. Erneut luden wir die Räder auf eine Fähre (weil Thomas das Fährenfahren so liebt) und liessen uns bis vor die Landesgrenze bringen. Wenig später standen wir vor dem Grenzschild und fuhren anschliessend in Polen noch kurz weiter, bis wir den ersten Zeltplatz fanden. Es war erstaunlich, wie sehr viel ärmer alles wirkte, gleich hinter der Grenze.

Was uns allen auffiel war, dass die Menschen in Polen etwas unfreundlicher waren, als wir es uns von Deutschland gewohnt waren.

Die folgenden Tage fuhren wir der Küste entlang. Die Ortschaften entlang des Küstenstreifens wurden zu wahren Familienvergnügungsoasen umgebaut. Überall wimmelte es von Essensständen und Schiessbuden, sowie Spielplätzen für Kinder. Wir fanden dies ein wenig gewöhnungsbedürftig, zumal jeder Ort dem anderen aufs Haar zu gleichen schien.

Alfredo musste von diesem Tag an leider mit dem Bus und dem Zug weiter reisen, da seine Knie zu sehr schmerzten. Der Vorteil für uns war, dass er somit schon für eine Unterkunft sorgen konnte am Ziel der jeweiligen Route.

An einem Abend überraschte er uns mit einer Übernachtung in einer Schule! Wir hatten ein ganzes Klassenzimmer für uns und mussten uns bei der Chemielehrerin in der Bibliothek anmelden. Das war vielleicht ein tolles Erlebnis! In Polen vermieteten die Schulen anscheinend oft die Räumlichkeiten über die Ferien, um etwas Geld zu verdienen. Übrigens befand sich der Fahrradkeller im Computerraum der Schule!

Wir radelten weiter, der Küste entlang nach Darlowo. Da wir erst gegen Abend ankamen, beschlossen wir gleich essen zu gehen. Wir machten aus, dass jeder für einen anderen das Essen bestellen sollte. So schauten wir auf der Karte, welches Gericht wohl zu einem anderen Gruppenmitglied passen könnte. Thomas erhielt das „Calzone de chef“, ich einen grossen Salat und Alfredo eine mexikanische Pizza. Das war sehr witzig und spannend zugleich.

Am nächsten Tag führte uns der Weg weiter dem Meer entlang durch wunderschöne Landschaften. Das Wetter spielte wie immer sehr gut mit, jedoch waren die Wege nicht so eindeutig ausgeschildert, so dass wir oft unsere Räder durch hohes Gras oder eine Sumpflandschaft bewegen mussten. Da wir gegen Mittag sehr hungrig waren, jedoch keine Raststätte in Sicht war, fragte Thomas kurzerhand auf einem Bauernhof, ob die Besitzerin gegen eine Entschädigung für uns kochen würde. Sie fand Gefallen am Angebot und begab sich sogleich in die Küche. Wir hatten selten so gut gegessen!

Nach einer Nacht in einer Einraumwohnung (die Vermieter guckten schon etwas erstaunt, als ich mit den vier Männern dort nächtigte), verliess Hannes am nächsten Morgen die Gruppe. Da er keine Karte mehr hatte, schrieb er sich die Route auf den Arm und sein Bein und radelte im Regen los.

Die Dörfer wurden nun weniger touristisch und waren eher ausgestorben. Wir versuchten, mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt zu treten, was jedoch eher schwierig war. Die Leute schienen nicht wirklich interessiert zu sein an germanischen Radfahrern. An jenem Abend trafen wir in Leba ein. Den Spruch „Tschau Läba“ adaptierten wir fortan von unseren Schülern in Basel und brachten ihn bei jeder Gelegenheit zur Sprache.

In Leba mussten wir Alfi suchen, der für uns anscheinend schon einen Zeltplatz reserviert hatte. Das Problem war, dass wir ihn weder über Internet, noch per Telefon erreichten. So begannen wir, Zeltplätze abzuklappern. Wir hatten Glück! Gleich beim ersten Zeltplatz führte der Besitzer uns zum Zelt des „crazy Mexican“.  Speziell war, dass auf dem Zeltplatz alle Waschmaschinen im Damenklo standen! Somit war klar, dass ich für das Waschen sämtlicher Kleider der Gruppe zuständig war. Dies bedeutete, dass ich nachts um eins noch die Wäsche aus der Maschine holen musste. Natürlich versprachen die Gentlemen mir, ebenfalls wach zu bleiben, aber in der Praxis funktionierte dies nicht wirklich...

Der zweite und letzte Abend in Leba wurde etwas speziell, da die Jungs sich dazu entschlossen, die gesamte Nacht hindurch übertrieben zu feiern. Am nächsten Morgen lagen sie ziemlich müde in den Zelten und waren alles andere als Bereit zur Abreise. So beschloss ich, mich alleine auf den Weg zu machen.

Ich fuhr den ganzen Tag im Regen und hörte Musik, hoffend dass ich nicht irgendwo in einem einsamen Wald eine Panne hatte. Es geschah nichts dergleichen, ich kam nur total durchfroren und durchnässt in Gdynia an. An jenem Tag war ich beinahe 150 km geradelt!!!!

Am nächsten Tag fuhr ich die letzten paar Kilometer bis nach Gdansk, meinem Ziel der Route. Wie durch Zufall traf ich in der Stadt mit ca. 500 000 Einwohnern Alfredo mitten auf einem Platz! Die Freude war gross und er meinte: „Oh, Octopus has ist own way of working things out!“

Wir verbrachten die letzten zwei Tage Danzig und bestaunten die schöne Altstadt, den Hafen und freuten uns an den vielen kleinen Cafés, welche überall zu finden waren.

Am frühen nächsten Morgen trennten sich unsere Wege. Thomas, Alfredo und Jona fuhren weiter bis nach Tallin und ich setzte mich in den Zug nach Berlin, wo meine Freundin Kerstin mich mitten in der Nacht am Bahnhof erwartete.